Welche Erwartungen hattest du vor 10 Jahren an dich?

Auf sämtlichen Social Media Kanälen spielt die #10yearchallenge gerade eine große Rolle. Man sieht überall Vorher-Nachher-Bilder von Menschen, die zeigen wollen, wie sie sich entwickelt haben. Natürlich sehe alle besser aus, haben mehr Muskeln, weniger Fett, keine hässlichen Frisuren mehr und alle wirken jetzt glücklicher als vor 10 Jahren.

Wie viel Realität wirklich dahinter steckt, sei mal dahin gestellt. Aber auch ich habe mal aus Neugier ein Bild von 2009 heraus gekramt und mich daran erinnert, was ich damals so alles angestellt habe. Und natürlich hat sich viel verändert.

Aber was habe ich damals erwartet? Ich hatte gerade mein Studium in Berlin angefangen und war der festen Überzeugung, ich werde super erfolgreiche Marketing Managerin und verdiene das große Geld. Tatsächlich habe ich mein Ziel erreicht. Aber glücklich bin ich damit nicht geworden. Egal, was ich beruflich gemacht habe, also in welchem Marketing Zweig oder in welcher Firma ich gearbeitet hatte, es hat mich nicht glücklich gemacht, erfolgreiche Marketing Managerin zu sein. Ich hatte sehr hohe Erwartungen an diesen Job. Ich wollte die beste sein, vor allem, wenn es um Sales ging. Denn dort war man immer im Kriegsmodus. Ich wollte gewinnen. Aber wenn ich die meisten Umsätze gemacht hatte und die Anerkennung bekommen habe, die ich mir gewünscht hatte, blieb das erwartete Gefühl aus: Zufriedenheit.

Nach ein paar Jahren in unterschiedlichen Jobs hatte ich das Gefühl, etwas stimme nicht mit mir. Bei jeden Jobwechsel, in jeder neuen Firma hatte ich höhere Erwartungen. Denn ich hatte ja nun schon genug kennen gelernt und wusste auf jeden Fall, was ich nicht wollte.

Und mit den immer höheren Erwartungen kam natürlich die immer größer werdende Enttäuschung.

Letztendlich habe ich den großen Cut gemacht und meine Karriere geschmissen. Von heute auf morgen. Ohne darüber nachzudenken, welche Annehmlichkeiten mir dadurch entgehen: Sicherheit, das Gefühl, sich so gut wie alles kaufen zu können und natürlich einen geregelten Tagesablauf. Ich habe mich von meiner Intuition leiten lassen, die mir in den letzten 10 Jahren schon so oft den richtigen Weg aufgezeigt hat. Mein bedingungsloser Glaube, dass alles immer irgendwie gut geht, hat mich weit gebracht und ich wusste, dass mich meine Intuition auch in diesem Fall nicht im Stich lassen wird.

Natürlich wusste ich, was ich stattdessen machen wollte: ich wollte Yogalehrerin werden! Viele meiner Bekannten schüttelten nur noch mit dem Kopf, was für eine Schnapsidee mir da wieder gekommen ist. Aber ich wusste, dass es die richtige Entscheidung war. Auch wenn ich noch nicht wusste, wie ich damit wirklich Geld verdienen würde, aber für mich war klar: raus aus dem Büroknast. Denn den ganzen Tag im Büro eingesperrt zu sein oder auch im Sales herum zu kommen, aber trotzdem an die festen Arbeitszeiten und -bedingungen gebunden zu sein, hat sich für mich immer angefühlt wie ein Gefängnis.

Aber wenn ich meinem Gefühl und meiner Intuition vertraue, finde ich immer den richtigen Weg. Das mag jetzt sehr spirituell klingen. Aber das haben mich die letzten 10 Jahre gelehrt: Irgendwie wird immer alles gut und nichts passiert ohne Grund.

Doch die hohen Erwartungen bleiben.

Denn natürlich möchte ich – und ich gehe davon aus, dass jeder das möchte – gut sein, in dem, was ich tue. Ich möchte erfolgreich sein, Anerkennung für die harte Arbeit bekommen. Am liebsten die Beste sein. Und damit setzen wir uns sehr unter Druck.

Für wen haben wir diese Erwartungen an uns selbst? Wollen wir das wirklich für uns und unsere eigene Entwicklung? Oder wollen wir eigentlich anderen damit gefallen und zeigen, dass wir etwas können? Reicht es nicht aus, dass wir selbst wissen, wie gut wir sind?

Nein, denn heutzutage möchte jeder von anderen irgendwie bewundert werden. Die Welt soll sehen, was man kann. Dabei hat die Welt dann wahrscheinlich auch noch Erwartungen an uns. Die Mutter von zwei Kindern muss funktionieren und immer geduldig sein. Der erfolgreiche Finanzmanager darf sich nicht verrechnen und der Pilot muss immer aufmerksam sein. Natürlich haben wir selbst ja auch an andere hohe Erwartungen.

In einem hinduistischen Sprichwort heißt es:
Glück = Wirklichkeit – Erwartungen

Ich habe es kürzlich irgendwo gelesen und bekomme es seither nicht aus dem Kopf. Nach langem Nachdenken sagt mir das Sprichwort genau das: 

Nimm die Wirklichkeit und ziehe das ab, was du erwartet hast. Je höher die Differenz zwischen der Wirklichkeit und deinen Erwartungen ist, umso weniger Glück empfindest du. Das bedeutet also, wir sollen so geringe Erwartungen wie möglich an uns und andere stellen?

Auch schwierig. Ich persönlich bin ein sehr leistungsorientierter Mensch. Natürlich erwarte ich von mir viel. Mehr als von anderen, ehrlich gesagt. Denn meine eigene Performance habe ich definitiv mehr unter Kontrolle als die Taten anderer. Und ich kann auch nicht erwarten, dass andere Menschen so sind oder so denken wie ich.

Aber kommen wir noch mal zu dem Thema Erwartungen und Glück zurück. Halten uns unsere Erwartungen davon ab, das wahre Glück zu erkennen?

Ich bin der Meinung, Erwartungen an uns selbst sind wichtig. Denn wir leben in einer Leistungsgesellschaft und wer irgendwie erfolgreich sein möchte, muss sich daran gewöhnen seine eigenen und die Erwartungen, die an seinen Job oder seine gesellschaftliche Aufgabe gestellt werden, erfüllen. Und ja, damit kann man sich auch unter Druck setzen. Ob das gesund ist, muss jeder für sich entscheiden. Denn manche Leute funktionieren besser, wenn sie etwas Druck im Nacken haben. Hier habe ich bereits darüber geschrieben.

Aber übertrieben hohe Erwartungen, dass alles perfekt sein muss, dass immer alles funktionieren muss und wir keine Fehler machen, sind nicht gesund. Denn wodurch werden wir denn besser und weiser? Indem wir Fehler machen, indem auch mal etwas schief geht, indem wir verletzt und enttäuscht werden. In den letzten 10 Jahren ist viel passiert. Bei jedem. Jeder von uns war mal traurig, unzufrieden mit sich und der Welt, wusste nicht, wie es weiter geht. Aber es ist alles irgendwie gut gegangen, oder? Wir haben alle mal etwas nicht perfekt gemacht und damit unsere und wahrscheinlich auch die Erwartungen anderer enttäuscht. Aber daraus lernen wir! Dadurch wissen wir, welchen Weg wir gehen müssen. Wir erkennen, welche Menschen gut für uns sind und welche Aufgaben uns liegen. WEIL wir Erwartungen hatten, die wir nicht erfüllt haben, WEIL wir am Ziel vorbei gerauscht sind und ja, WEIL wir versagt haben. Aber jede schwierige Situation bereitet uns auf das vor, was vor uns liegt: unsere Zukunft. Hohe Erwartungen zu haben, ist deswegen einerseits ein Fluch und andererseits gar nicht so schlimm. Denn dadurch lernen wir uns selbst besser kennen. Jedoch sollten wir das richtige Maß finden. Wie? Ausprobieren! Enttäuscht werden, traurig sein, daraus lernen und besser werden.

Dabei geht es um die Erwartungen, die wir an uns selbst stellen. Denn das Entscheidende ist es, zu erkennen, über welche Dinge du Kontrolle hast und über welche nicht. Ich kann die Gedanken oder Taten von anderen Menschen nicht kontrollieren. Und auch die Umstände der Welt und des Lebens selbst nicht. Aber ich kann kontrollieren, wie ich mit mir umgehe und wie ich mein Leben verbringe. Wenn wir versuchen, das Unkontrollierbare zu kontrollieren, dann werden wir am Ende frustriert sein, denn es wird nie so passieren, wie wir es wollen. Das Einzige, was wir tun können, ist die Dinge so gut zu tun, wie wir können, und uns so gut es geht zu verhalten. Das heißt aber nicht, dass wir dann auch dafür belohnt werden. Es heißt nicht, dass alles nach Erwartungen und Plan verläuft. Das heißt, wir dürfen Erwartungen haben.

Aber wir sollten dabei die Idee loslassen, dass alles perfekt läuft. Sondern wir sollten uns darauf gefasst machen, dass auch mal etwas schief gehen kann und beginnen, die Realität zu akzeptieren. Nur dann können wir wirklich glücklich sein. Dabei spielt Visualisierung eine große Rolle. Wenn du also vor einer schwierigen Situation stehst, deren Ausgang du nicht kennst, du aber die Erwartung an dich hast, dass du das perfekt meisterst, stelle dir mal den nicht so schönen Ausgang der Situation vor. Visualisiere, wie du damit umgehst, wenn alles nach Plan läuft und genauso, wie du reagierst, wenn es schief geht. So hast du im Kopf schon mal alle Szenarien durchgespielt und kannst in jedem Fall optimal reagieren. So machst du dein eigenes Verhalten so kontrollierbar wie möglich und die Situation so erfolgreich wie möglich. Denn auch wenn sie keinen positiven Ausgang hat, hast du dich darauf vorbereitet und weißt, was du das nächste Mal besser machen kannst. Wenn du es schaffst SO zu denken, sind die Wartungen an dich selbst schon gar nicht mehr so hoch. Die Realität holt uns immer ein. Und erst, wenn wir diese akzeptieren können, lernen wir, wie wir trotz Erwartungen an uns glücklich werden können. Das ist die Weisheit, die ich in den letzten 10 Jahren über das Leben und mich selbst gelernt habe. Was hat sich für dich verändert? Welche Erwartungen hattest du? Schreibe mir gern, welche Erkenntnisse du gewonnen hast und was die #10yearchallenge für dich bedeutet. Ich freue mich auf deine Antworten.

Text: Isabel Liehmann

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