Wann ist es ok, dass ich mich aufopfere
und wie schaffe ich es, „Nein“ zu sagen?

Wir sind einfach zu nett. Im letzten Artikel habe ich über Neujahrsvorsätze gesprochen. Einer davon ist, dass wir lernen, auch mal „Nein“ zu sagen, wenn wir etwas wirklich nicht möchten. Wahrscheinlich ist dies ein Thema, bei dem sich mehr Frauen angesprochen fühlen. Aber auch Männer haben oft das Problem, dass sie zu oft „Ja“ sagen, obwohl sie „Nein“ meinen. Gerade in der Berufswelt tun wir oft Leuten einen Gefallen, den wir eigentlich nicht tun möchten. Was auch vollkommen in Ordnung ist! Denn wir haben einen Vorgesetzten und müssen dessen Zielvorgaben erfüllen. Und wir möchten uns auch nicht unbeliebt bei Kollegen machen, denn wir sind soziale Wesen. Es ist also eine Gratwanderung zwischen nett sein und sich ausnutzen lassen. Doch wo ziehen wir die Grenze? Und was passiert, wenn wir mal aus der Rolle fallen? Dürfen wir das überhaupt?

Ich habe mir heute Life und Business Coach Andrea Ebeling eingeladen, um mit ihr über das Thema zu philosophieren.

Andrea studierte BWL in Berlin und arbeitete anschließend 12 Jahre für große und mittelständische Konzerne im Bereich Finance im In- und Ausland. Im Jahr 2012 entdeckte sie das Coaching für sich. Auf der Suche nach wertschätzenden und inspirierenden Gesprächspartnern, tauchte sie immer tiefer in das Thema ein, um private und berufliche Herausforderungen zu beleuchten. Seitdem ist sie von Coaching fasziniert und weiß, welches Potential in gutem Coaching steckt. In Andrea’s Augen hilft Coaching dabei, sich selbst besser zu verstehen und sein Leben nach den eigenen Werten auszurichten und zu gestalten.

Gemeinsam mit der Expertin habe ich mir das Thema „nett sein“ etwas genauer angesehen und möchte unsere Erkenntnisse gern mit dir teilen:

Beginnen wir ganz am Anfang mit einer Begriffsdefinition:
Was bedeutet es, nett zu sein?

Ich denke, dass nett sein eine Eigenschaft ist, die immer noch unbewusst von Frauen erwartet wird. Nett sein verbinde ich mit Lächeln, rücksichtsvoll und verständnisvoll sein, eher angepasst und lieb.

Wieso sind wir überhaupt nett?

Wenn wir uns nett verhalten, dann wahrscheinlich zum einen, weil wir unser Gegenüber nicht verletzen wollen und/ oder weil wir uns scheuen einen Konflikt zu verursachen. Menschen, die nett sind, sind in einer Gemeinschaft eher willkommen als Stinkstiefel. Somit läuft ein Stinkstiefel auch vermeintlich Gefahr sich sozial zu isolieren.

Warum ist es manchmal nicht gut für uns, wenn wir zu nett sind?

Kritisch ist es erst dann, wenn man vor lauter nett sein, seine eigenen Bedürfnisse und Grenzen nicht ausdrückt oder vielleicht auch schon gar nicht mehr wahrnimmt.

Macht nett sein attraktiver? Und was ist der Unterschied zur Höflichkeit?

Ja, auf jeden Fall! Denn schließlich sind Menschen, die sich ihrer Grenzen und Bedürfnisse bewusst sind, selbstbewusst und das macht auch wiederum attraktiv. Man kann lernen, sich zu äußern, Nein zu sagen und sich abzugrenzen, wenn es notwendig ist, und so für sein Wohlbefinden zu sorgen. Dafür sind Ich Botschaften hilfreich. Sie machen deutlich: Ich handle für mich und mein Bedürfnis und nicht gegen dich. Dann liegt es an dem anderen dies zu verstehen und die Botschaft nicht persönlich zu nehmen. 

Höflichkeit ist also eine Art sich zu äußern und dies auf eine Weise zu tun, die den anderen nicht direkt angreift.

Dürfen wir eigentlich auch mal ausrasten? Aber warum haben wir oft das Gefühl, das wäre nicht angebracht?

Ja, und manchmal muss man seinem Ärger auch Luft machen dürfen. Ich habe in Berlin schon Workshops für Frauen gesehen „Mut zur Wut“. Gerade Wut schickt sich nicht und wird bei uns eher als Hysterie ausgelegt. Dabei haben wir allen Grund wütend zu sein, aber das ist ein anderen Thema.

Wut ist das Resultat, wenn wir uns unterdrückt fühlen, weil wir zu oft zu nett waren und dann merken, dass wir ausgenutzt werden. Aber das ist nicht schlimm! Wut ist ein Gefühl und für Gefühle musst du dich nicht schämen. Wenn wir mal wütend sind, dann ist das vollkommen okay. Denn Wut hat auch viel mit Kraft, Lebensenergie, Leidenschaft und Durchsetzungsvermögen zu tun. Einige glauben, Wut sei etwas Schlechtes, ein Gefühl, das man gar nicht haben und schon gar nicht zeigen sollte. Aber das stimmt nicht.

Doch bevor es soweit kommt, sollten wir unser Handeln mal reflektieren.

In welchen Situationen ärgerst du dich darüber, dass du zu nett warst?

Aus welchem Grund hast du „ja“ gesagt, obwohl du es nicht wolltest?

Ganz wichtig: Inwiefern hat dich deine Reaktion weiter gebracht oder von deinem Ziel oder Weg abgehalten?

Denn das ist die Essenz: Es ist vollkommen in Ordnung, sich für etwas aufzuopfern und alles für eine Sache zu geben, solange du mit dem Resultat zufrieden bist.

Wenn du dich bewusst GEGEN eine Sache entscheidest, entscheidest du dich automatisch FÜR eine andere. Das bedeutet, wenn du viel zu nett bist und dich bewusst dafür entscheidest, jetzt drei Monate im Büro Vollgas zu geben, auf jedes Firmenevent zu gehen, abends länger zu bleiben, obwohl du verabredest warst, WEIL du auf eine Beförderung oder Ähnliches hinarbeitest, weißt du WOFÜR du es tust.

Halte dir immer den Grund für dein Verhalten vor Augen. Genauso geht es anders herum: Wenn du bewusst nicht vom Geburtstagskuchen der Kollegin isst, dich also bewusst DAGEGEN entscheidest, obwohl du verständnislose Blicke der Kollege erntest, machst du es, weil du dich FÜR dein Ziel entscheidest, abzunehmen. Egal, ob es dabei ums „nett sein“ geht, oder nicht: Wichtig ist, dass wir uns Ziele setzen und diese verfolgen. Dafür müssen wir manchmal Opfer bringen. Nett sein ist eins davon. Wut kann dabei entstehen und es ist auch ok, wenn diese mal raus kommt und wir jemandem ins Gesicht sagen, dass er gerade Blödsinn erzählt. Es ist wichtig, dass wir es ansprechen, wenn uns etwas wütend macht und die Wut nicht runterschlucken. Sag es, wenn du dich zum Beispiel unfair behandelt fühlst. Manchmal ist es aber auch so, dass du fast sprachlos vor Wut bist. Dann wartet am besten einige Zeit ab und spricht dann in Ruhe mit der Person darüber. Sag ihr, was und warum dich etwas wütend gemacht hat. Du wirst sehen, sobald Gefühle offen ausgesprochen werden, kannst du das eigene Verhalten und das Verhalten des anderen gleich viel besser verstehen. Und das kann man auch auf nette Art und Weise tun. Wie dein Gegenüber das aufnimmt, hat nichts mit dir zu tun. Mache dir das immer wieder bewusst und es wird dir leichter fallen, auch mal „Nein“ zu sagen.

Ich bedanke mich bei Andrea für ihre Zeit und ihre Antworten!

Mehr über Life & Business Coach Andrea Ebeling erfährst du auf ihrer Website.

Mehr Interviews mit spannenden Menschen findet ihr
in unserem wöchentlichen Podcast.

 

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