Warum Streiten auch eine Chance sein kann

Streit mag eigentlich keiner. Man assoziiert Streit mit etwas Negativem, mit Stress, mit Etwas, was wir nicht wollen. Was ist denn eigentlich ein Streit?

Streit ist das offene Austragen von unterschiedlichen Meinungen zwischen zwei oder mehreren Akteuren. So sagt es zumindest Wikipedia. Der Unterschied zur Diskussion ist, dass dabei eher Gedanken und Argumente ausgetauscht werden.

Das klingt alles eigentlich gar nicht so schlimm. Warum empfinden wir es dann so negativ?

Bei einem Streit fliegen oft die Fetzen. Man wird ungehalten, laut, sagt Dinge, die man nicht so meint und die Situation kann schnell explodieren. Doch wer Probleme immer nur in sich hineinfrisst, wird auf lange Sicht immer unzufriedener. Ab und an einmal so richtig Dampf abzulassen, ist daher gut für unsere seelische Verfassung. Obwohl diese Erkenntnis längst schon kein Geheimnis mehr ist, wird sie in vielen Kommunikationssituationen nicht beherzigt und man lieber seine Gedanken für sich behält. Aus übertriebenem Harmoniebedürfnis gehen viele Leute Konfliktsituationen am liebsten aus dem Weg und schaden sich selbst dabei am meisten.

Doch wie alles, haben auch Konflikte positive Folgen und unter bestimmten Bedingungen kann ein Konflikt als Chance gesehen werden. Ein Hinweis noch vorweg: Nicht jeder Konflikt muss analysiert und ausgetragen werden! So wie es nicht sinnvoll ist, sich vor jedem Konflikt zu verstecken, ist es nicht notwendig, jeden kleinen Unterschied in der Wahrnehmung oder den Interessen zweier Personen zu diskutieren. Solltest du jedoch einen Konflikt als sehr belastend empfinden, möchte ich dir hier zeigen, was sich alles Positives ergeben könnte, wenn du dich dieser Herausforderung stellst.

1. Konflikt als Chance, zu erfahren, was der/die andere denkt
Vielleicht kommt dir das bekannt vor: man beschwert sich darüber, dass der/die PartnerIn oder auch eine andere dir am Herzen liegende Person dich nicht an seinem/ihrem Leben teilhaben lässt, sich nicht öffnet und die eigenen Gedanken und Träume nicht mit dir teilt.
Und bei der ersten Gelegenheit, in der der/die PartnerIn Gedanken und Erfahrungen äußert, prasselt es irgendwie dann doch Vorwürfe deinerseits. Da wird dann ein falsches Wort verwendet und das Gegenüber hört gar nicht mehr zu, sondern bereitet sich innerlich auf den Gegenangriff vor. Das alles ist verständlich und passiert uns allen manchmal in hitzigen Diskussionen. Ich möchte dabei jedoch zu Bedenken geben, dass solange jemand noch mit dir diskutiert, er sich noch für dich und die Beziehung interessiert. Wenn du es schaffst, deinem Gegenüber in einem Streit wirklich zuzuhören, also nicht im Kopf schon die Antwort zu überlegen oder schon drei Schritte vorzugehen, da du ja weißt, worauf er/sie hinauswill, dann hast du die Möglichkeit zu erfahren, was sie/ihn bewegt und beschäftigt.

2. Konflikt als Chance, sich weiter zu entwickeln
Wenn wir uns mit jemandem streiten, erhalten wir meist auch ein Feedback zu unserem Verhalten. Dieses folgt möglicherweise keinen „guten“ Feedbackregeln und ist daher im ersten Moment vielleicht eher schwer anzunehmen. Das heißt, dein Gegenüber reagiert womöglich etwas angefressen bzw. unangemessen. Aber mit ein bisschen Abstand oder wenn du es schaffst, den Konflikt produktiv auszutragen, kannst du wichtige Informationen darüber erhalten, wie dein Verhalten bei dieser anderen Person ankommt. Wenn du Konflikte etwas reflektieren kannst, lernst du dich vermutlich auch selbst besser kennen. Was sind deine “wunden Punkte”? Was ist dir besonders wichtig? Was brauchst du von der anderen Person? Wenn du einen Konflikt gut überstehst, fühlst du dich sicherer, selbstbewusster und voller Energie, da ungelöste Konflikte sehr belastend sein können. In einem Konflikt kannst du deine Kompetenzen erproben und Erfolge feiern, wenn es dir gelingt, den Konflikt gut zu lösen!

3. Konflikt als Chance Probleme zu lösen
Wenn ein Problem so vor sich hinbrodelt, aber nie zur Sprache kommt, kann es auch nicht bearbeitet werden. In vielen Fällen führt so ein unterschwelliges Brodeln irgendwann dazu, dass einer oder beide explodieren. Da wird dann die eigene Meinung unter Missachtung aller Regeln für eine konstruktive Kommunikation an den Mann gebracht. Dies hat jedoch auch einen Vorteil: Dadurch wird der Konflikt greifbar und kann bearbeitet werden. 

Natürlich wäre es wünschenswert, die Probleme würden frühzeitig angesprochen werden, doch das ist eben nicht immer der Fall. Dann ist oftmals so ein reinigendes Gewitter besser, als die unterschwelligen Aggressionen.

4. Konflikt als Chance, Eskalationen zu vermeiden
Ein Konflikt ist ein Warnhinweis. Wenn du es schaffst, darauf zu hören, bevor dieser eskaliert, lässt er sich wesentlich leichter und schneller lösen. Wenn du merkst, dass du unbedingt Ruhe brauchst, während dein/e PartnerIn so gerne Zeit mit Ihnen verbringen möchte, ist das ein Konflikt, der gut gelöst werden kann, wenn noch keiner von euch den anderen persönlich angegriffen hat.Wenn du den Konflikt frühzeitig ansprichst, ersparst du dir die gegenseitigen Vorwürfe und die Frustration, nicht verstanden zu werden. Je länger du wartest, desto mehr wird der eigentliche Konflikt verdeckt. Wenn du zuerst mehrere Tage und Wochen damit zubringst, dass ihr euch gegenseitig Gemeinheiten an den Kopf zu werft, spielen die später alle bei der Konfliktbearbeitung eine Rolle. Dann geht es nicht mehr nur darum, dass es unterschiedliche Wünsche gibt, sondern dass dein(e) PartnerIn dir gesagt hat, du würdest ihn/sie im Stich lassen und seist egoistisch, was nicht stimmt und dich verletzt hat. Wenn du in so einen Teufelskreis gerätst, versuche die Stop-Taste zu drücken, nochmal an den Anfang zurückzukehren und dir klarzumachen, worum es wirklich geht.

Ob ein Konflikt positive oder negative Folgen mit sich bringt, hat viel damit zu tun, wie du mit ihm umgehst. Der Konflikt selber ist erstmal neutral. Er sagt lediglich aus, dass du und dein Gesprächspartner unterschiedliche Sichtweisen habt. Darüber zu sprechen kann lustig, traurig, interessant oder unangenehm sein. Das hängt von dir und deinen Interpretationen der Situation ab. Wenn du einen Konflikt als Zeichen für ein Scheitern der Beziehung siehst, wirst du ihn ganz anders angehen als wenn du ihn als spannende Möglichkeit siehst, mehr über dich und deine(n) PartnerIn zu erfahren. Wenn es dir ab und zu gelingt, auch die positiven Seiten eines Konflikts zu sehen, hast du schon viel gewonnen!

Damit du aber richtig streiten kannst und daraus positive Erkenntnisse sammeln kannst, habe ich hier noch ein paar simple Streitregeln:

  • Pauschalisierungen vermeiden
    Pauschalierungen wie „nie“, „immer“ und ähnliche werden häufig verwendet. Diese gilt es unbedingt zu vermeiden. Stattdessen gehören Fakten und konkrete Beispiele auf den Tisch.
  • Anklagen vermeiden
    Du-Sätze, also Sätze, die mit Du beginnen, solltest möglichst vermeiden.
    Solche Anklage-Sätze treiben den anderen in die Ecke, aus der er sich mit aller „verbalen Kraft“ hinaus zu kämpfen versucht. Und damit ist schon eine große Portion Emotion mehr im Spiel, die ein konstruktives Streitgespräch umso schwieriger gestaltet.
  • Stattdessen Ich-Sätze verwenden
    Oft ist dem anderen gar nicht bewusst, was er/sie z. B. durch eine Aussage oder eine Handlung ausgelöst hat. Das Kommunizieren der eigenen Gefühle kann dem Gegenüber die Augen öffnen und damit die Basis für ein konstruktives Streitgespräch liefern.
  • Nicht unfreundlich werden
    Bei einem heftigen Streit kommen beleidigende Worte schnell über die Lippen. Aber genau solche Beleidigungen, Beschimpfungen und auch Provokationen lassen kein „richtiges“ Streiten zu. Im Gegenteil! Damit kann der Streit kein positives Ende mehr nehmen.
  • Zuhören
    Auch wenn es nicht leicht fällt, solltest du versuchen, der anderen Person zuzuhören. Also sie nicht unterbrechen, sondern ausreden lassen. Denn in einer Auseinandersetzung überhört man gerne die Anliegen des anderen, weil man nur die eigenen Argumente als die richtigen betrachtet.

Das sind nur einige der Regeln, die „gutes“ Streiten ausmachen. Wenn du die beachtest, kannst du die erstgenannten Chancen aus dem Streit wahrnehmen und etwas Positives daraus ziehen.

Verinnerliche dir, dass ein Streit natürlich aufwühlend und emotional sein kann. Aber versuche, daran etwas Positives zu finden. Denn nichts passiert ohne Grund und auch ein Streit entsteht aus einer bestimmten Vorgeschichte oder einer Reihe an vorangegangenen Reaktionen.

Mehr über Achtsamkeit, Mentales Training und Erfolgscoaching erfährst du in unserem wöchentlichen Podcast.